Mit verwaisten Eltern in Kontakt kommen - Julia begleitet

Mit verwaisten Eltern in Kontakt kommen – eine Kommunikationshilfe für das soziale Umfeld

Im letzten Blogbeitrag hatte ich bereits erläutert, warum eine empathische Begleitung durch das soziale Umfeld für verwaiste Eltern so wichtig ist. In diesem Beitrag möchte ich dir nun eine Kommunikationshilfe dafür vorstellen:

Um einen empathischen Kontakt zwischen betroffenen Eltern und ihrem Umfeld zu fördern, habe ich einen Wegweiser für den Umgang mit verwaisten Eltern geschaffen. In diese Broschüre fließen meine ganz eigenen Erfahrungen als mehrfach verwaiste Mutter hinein, sowie zahlreiche Erfahrungsberichte anderer betroffener Eltern, die ich zu diesem Thema befragt habe.

Was brauchen Eltern?

Der Wegweiser bietet Impulse, um es den Umgangspersonen zu erleichtern, aus der eigenen Sprach- und Hilflosigkeit hinauszukommen und den verzweifelten und gebrochenen Eltern eine Stütze zu sein. Er bietet Impulse, um ihnen die Hand zu reichen und sie ein Stück weit durch ihre Trauer zu begleiten.

Denn was brauchen Eltern, die ihr Kind verloren haben? Sie brauchen:

  1. Menschen, die sich nicht aus einer eigenen Unsicherheit heraus von ihnen abwenden.
  2. Menschen, die sie genau dort abholen, wo sie gerade in ihrer Trauer stehen und Verständnis für ihre Bedürfnisse aufbringen.
  3. Menschen, die ihnen offen, zugewandt und einfühlsam begegnen.
  4. Menschen, die ihren Schmerz anerkennen und ihre Trauer zulassen.

Was braucht das soziale Umfeld?

Und was braucht das soziale Umfeld, um auf die Betroffenen in dieser Art und Weise eingehen zu können? Es braucht einen Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt verwaister Eltern, damit sie aus der Sprach- und Hilflosigkeit, die dieses unfassbare und abstrakte Ereignis mit sich bringt, heraus und in die eigene Empathie hineinkommen können. Denn für Jemanden, der diesen Verlust nicht persönlich erlebt hat, ist es schwierig zu erfassen, was es bedeutet sein eigenes Kind zu verlieren. Der Wegweiser darf dabei als Sprachrohr zwischen den Eltern und ihren Mitmenschen dienen, wo (vielleicht noch) die Worte fehlen.

Aufbau des Wegweisers

Dabei ist der Wegweiser so aufgebaut, dass er zunächst eben genau diesen Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt von Betroffenen gibt.

Zitate vieler verwaister Eltern zeigen auf, wie komplex sich die Trauer um Kinder äußern und mit wie vielen unterschiedlichen Gesichtern sich Trauer zeigen kann.

die unterschiedlichsten Facetten der Trauer

Von emotionalen Trauersymptomen wie Schock oder Leere („Im ersten Moment war ich einfach nur wie betäubt…“), über körperliche Symptome wie Kurzatmigkeit („Aber manchmal spüre ich den rohen, unbeschreiblichen Schmerz, dieses bleierne Gewicht auf der Brust, was es mir schwer macht, zu atmen.“), bis hin zu den kognitiven Trauersymptomen wie Schuldzuweisungen („Ich weiß noch, wie ich nach Monaten eines Abends erschrocken feststellte, dass ich das erste Mal seit langem an diesem Tag nicht geweint hatte. Da habe ich mich fast schuldig gefühlt.“), spiegeln die Zitate die unterschiedlichsten Facetten der Trauer wider. Was für das soziale Umfeld wichtig zu erkennen ist: All diese Trauersymptome, auch wenn sie die Umgangspersonen zuweilen zu überfordern scheinen, sind normal und keinesfalls krankhaft. Sie gehören zum gesunden Trauerprozess dazu.

Eigene Erwartungen werden auf die Eltern projiziert

Sowohl ich persönlich, als auch alle betroffenen Eltern, mit denen ich in Kontakt stehe, haben zudem Erfahrung mit übergriffigen Handlungen und unbeholfenen Sätzen durch ihr soziales Umfeld gemacht. Daher sind dies zwei weitere Themenfelder im Wegweiser.

Besonders oft machen verwaiste Eltern nämlich die Erfahrung, dass ihre Trauer an den Vorstellungen ihres Umfelds gemessen wird. Eigene Erwartungen werden auf die Eltern projiziert, ihre Erlebnisse werden mit anderen Schicksalen verglichen oder der Schmerz über den Verlust des Kindes wird an beispielsweise der Schwangerschaftswoche gemessen.

Diese Reaktionen geschehen in großer Mehrheit nicht aus fehlender Empathie oder gar Böswilligkeit. Es ist so oft die eigene Hilflosigkeit im Umgang mit den betroffenen Eltern. Gleichzeitig ist da ein großes Bedürfnis, etwas Hilfreiches beisteuern zu wollen oder den Eltern, zumindest für einen Moment lang, ihren Schmerz zu nehmen.

Unterstützungsmöglichkeiten für verwaiste Eltern

Aus diesem Grund widmen sich die zwei weiteren Themenfelder des Wegweisers mit konkreten Unterstützungsmöglichkeiten für verwaiste Eltern.

Es geht beispielsweise um ein Offensein für das, was die Eltern gerade brauchen. Denn Trauernde pendeln in ihrem Alltag und dem Versuch ihre Trauer zu bewältigen ständig zwischen Verlustorientierung und Wiederherstellungsorientierung hin und her. Dabei ist es wichtig zu erfassen, wo die Eltern gerade in ihrer Trauer stehen und dort mitzugehen.

Ihre Trauer wird immer wieder zwischen diesen beiden Prozessen hin und her springen

Befinden sie sich in der Verlustorientierung und haben das Bedürfnis Fotos oder Ultraschallbilder ihres Kindes anzusehen, sind sie sehr wahrscheinlich nicht bereit, sich auf einen Spaziergang und ihre Umwelt einzulassen. Sind sie aktuell in der Wiederherstellungsorientierung und spüren den Drang ein neues Hobby anzufangen, ist ihnen gleichzeitig aller Wahrscheinlichkeit nach nicht nach intensiver Trauerarbeit und Gesprächen über ihr verstorbenes Kind.

Ihre Trauer wird immer wieder zwischen diesen beiden Prozessen hin und her springen und es ist für Umgangspersonen wichtig, sich diesen Prozessen anzuschließen und dabei eigene Erwartungen und Vorstellungen außen vorzulassen.

Auch ein frisch gekochtes Essen oder ein Einkauf sind den Eltern große Hilfen

Eine Unterstützung verwaister Eltern kann auch praktische Hilfen beinhalten. So fehlen oft Energie oder mentale Kapazitäten, um Organisatorisches wie beispielsweise nötige Behördengänge im Zusammenhang mit der Beisetzung ihres Kindes zu absolvieren. Auch ein frisch gekochtes Essen oder ein Einkauf, welche bedingungslos vor die Haustüre gestellt werden, sind den Eltern große Hilfen.

Neben diesen und vielen weiteren Möglichkeiten der Unterstützung, ist nicht zuletzt auch die Betreuung etwaiger Geschwisterkinder eine große Entlastung, damit die Eltern sich dem Abschied ihres Kindes und ihrer Trauer widmen können.

Trauer auch nach Jahren noch schmerzhafter Begleiter des Lebens von verwaisten Eltern

Wichtig bei jeglicher Unterstützung betroffener Eltern ist zu bedenken, dass diese nicht nur in den ersten Wochen nach dem Tod ihres Kindes benötigt wird und dass die Trauer auch nicht nach dem sogenannten ersten Trauerjahr aufhört. An jedem Geburtstag und Todestag ihres Kindes, an Feiertagen wie Weihnachten und an so manchem anderen scheinbar „normalen Tag“, kann die Trauer auch nach Jahren noch schmerzhafter Begleiter des Lebens von verwaisten Eltern sein.

Fazit zum Wegweiser

Zahlreiche Beiträge haben mich seit dem Veröffentlichen des Wegweisers erreicht. Die Beiträge handelten von Schmerz, Verzweiflung, Rückzug und von entfremdeten Familien und Freunden.

Begegnungen auf Augenhöhe und Herzebene

Sie handelten aber auch von einer tiefen Dankbarkeit, daran jetzt gemeinsam etwas ändern zu können. Ein Sprachrohr zu Verfügung zu bekommen zwischen Eltern, die ihr Liebstes verloren haben und damit vor dem Scherbenhaufen ihres Lebens stehen und ihrem Umfeld, das aus eigener Sprach- und Hilflosigkeit heraus nicht weiß, wie es den Betroffenen begegnen soll. Ein Bindeglied, das ein Aufeinanderzugehen und miteinander-in-Kontakt-kommen möglich macht.

Der Wegweiser macht mittlerweile Begegnungen auf Augenhöhe und Herzebene möglich, die vorher so nicht denkbar gewesen wären. Ein Geschenk nicht nur für verwaiste Eltern, aber in dieser sensiblen Lebensphase eben ganz besonders wichtig.

Hier findest du noch mehr zum Thema

↓↓↓

Hier findest du meine niedergeschriebenen Gedanken und Gefühle nach dem Verlust meiner Tochter:

 

Du möchtest noch mehr zum Thema lesen und dich mit Gleichgesinnten austauschen? Dann folge mir auf Instagram: